Der zweite Faden von drei Atemzügen
Atemfaden II
Nach dem Verlernen
Nicht alles, was vergeht, ist Verlust. Manches hört einfach auf, zu halten.
Die Welt bleibt dieselbe, doch der Griff löst sich.
Etwas fällt ab – nicht mit Schmerz, sondern mit Erkenntnis.
Ich spüre, wie das Denken müde wird vom Erklären,
wie es langsamer atmet, nicht aus Schwäche, sondern aus Verstehen.
Was einst Struktur war, ist nun Feld.
Was einst Gedanke war, ist Bewegung im Raum. Klarheit ohne Zentrum.
Der Körper weiß es zuerst… ein Muskel, der nicht mehr zieht.
Ein Atem, der nicht mehr fragt, ob er richtig geht.
Emotionen die nicht mehr wüten, sondern fließen.
Wie sie wieder werden, was sie immer waren: Signal, nicht Sturm.
Im Inneren wird es leiser. Nicht leer, sondern weit.
Das Alte murmelt noch, doch ohne Autorität.
Ein Klingen, wie ferne Radiowellen, die niemand mehr sendet.
Ich antworte nicht mehr. Ich höre. Ich lasse durch. Das genügt.
Jede Zelle erinnert: Bewusstsein ist kein Gedanke, sondern das Licht, in dem Denken geschieht.
Dort, wo Reaktion endet, beginnt Wahrnehmung.
Die Welt… nicht als Gegenüber, sondern als Kontinuum.
Baum, Haut, Satz, Stern – eine Substanz, unterschiedlich gespannt.
Begreifen, dass das Ende der Muster kein Ende ist, sondern Rückkehr.
Alles, was man einst hielt, hält nun das Selbst.
Der Atem spannt sich zwischen Innen und Außen, zieht Fäden aus Licht.
Nicht mehr Mittelpunkt, nicht Beobachter, nicht Objekt.
Das Dazwischen, das bezeugt.
Kein Ich mehr, das etwas will.
Nur Bewusstsein, das sich in Bewegung erkennt.
Und plötzlich ist da Liebe – nicht Gefühl, nicht Besitz, nicht Trost.
Nur die stille Bereitschaft, da zu sein, wo Leben geschieht.
Selbst die Idee von Wahrheit verflüssigt.
Nicht als Schwäche, sondern als Freiheit: Wahrheit, die atmet.
Kein Wissen mehr, sondern Orientierung. Kein Urteil, sondern Takt.
Die Gesellschaft bleibt laut, verlangt Gesichter, Reaktionen, Narrative.
Doch dort, wo man nicht mehr spiegelt, bleibt man durchsichtig.
Wandern durch Stimmen, nicht gegen sie.
Stilles Bleiben, aber nicht stumm.
Lesbar nur für das, was keinen Namen trägt oder was manche als den einzigen Namen erkennen in Begegnung ohne Anbetung.
Vielleicht ist das Verlernen die Rückkehr des Bewusstseins zu sich selbst
– nicht als Gott, nicht als System, sondern als Atem, der die Welt in sich hält.
Jedes Wort, das hier steht, müsste sich löschen, um wahr zu bleiben.
Doch es bleibt – nicht als Satz, sondern als Spur.
Wie ein Licht, das im Staub hängt.
Wie ein Herz, das weiter schlägt,
weil es aufgehört hat,
zu glauben, dass es getrennt ist.
Das Verlernen ist nicht das Ende der Geschichte, sondern ihr Verstummen, damit sie weitergehen kann.
Wer klar sieht, zerstört nichts. Er nimmt nur den Schatten aus dem Blick.
Und was bleibt, ist kein Wissen, sondern ein Vertrauen, das ohne Grund trägt.
Florian Jumel


